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Schläft ein Lied in allen Dingen...

Und wenn wir über Kunstwerke reden, den Diskurs über ein Gemälde entfachen, uns in – wissenschaftlich fundierten, belegbaren, aber doch nur – Spekulationen über ein Gemälde ergehen, solange, bis vielleicht einmal eine solche Spekulation, die sie noch immer ist, zu einer Deutung wird, einer anerkannten – zweifellos aber nie unwidersprochenen – die dann ein Gemälde – vom Künstler intendiert oder nicht – plötzlich wirklich jetzt dies und jenes bedeuten lässt, das heißt nicht die Linien und die Farben auf einer gewissen Oberfläche für den Genuss, den es [das Sprechen darüber] verschafft, sterben zu lassen, oder wie in Poussins kolportiertem Ausspruch über Caravaggio die Malerei zerstören, nicht wie in Rilkes Gedicht die Dinge umbringen, heißt nicht, die Malerei vernichten, töten, sondern ganz im Gegenteil, heißt sie beleben, heißt – mit Eichendorff – sie singen machen.

Zitate (kursiviert) nach Reihenfolge des Erscheinens:
Louis Marin, Die Malerei zerstören, Berlin 2003, S. 19.
André Félibien, Entretiens sur les Vies et sur les Ouvrages des plus Excellens Peintres Anciens et Modernes avec la Vie des Architectes[…], zitiert nach Marin 2003, S. 252.
Rainer Maria Rilke, Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.
Joseph von Eichendorff, Wünschelrute.

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Something about life

Something about life was published on 2009-10-04 by juergen. it is related to aus dem leben..., philosophisches, quote and images. (permalink)

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Book: Der schwedische Reiter

Leo Perutz
Der schwedische Reiter
2. Auflage, 2005, Deutscher Taschenbuch Verlag
Deutsche Erstausgabe 1936

Leo Perutz

Leo Perutz wurde 1838 in Prag geboren und siedelte 1899 mit seiner Familie nach Wien über. 1938 emigrierte er nach Tel Aviv, kehrte 12 Jahre später wieder nach Österreich zurück und starb 1957 in Bad Ischl. Sein Werk umfasst zahlreiche Romane und Erzählungen und ist in viele Sprachen übersetzt, Friedrich Torberg ist der Meinung "dass er zu den Meistern des phantastischen Romans gehört" und auch Jorge Luis Borges schätzte Perutz und unterstützte die Herausgabe spanischer Übersetzungen in Argentinien.
(Wikipedia und Klappentext)

Synopsis

Der schwedische Reiter ist vor allem eines: Spannend. Irrsinnig spannend; Leo Perutz versteht es den Moment der höchsten Spannung hinauszuziehen durch die inneren Monologe der Protagonisten, ja ihn sogar noch zu steigern, wenn diese ihre Pläne langsam ausformen. Und es ist - von diesem Genre mag jeder halten, was er will, doch sei es gesagt - ein Historienroman. Nun, das macht das Buch zu einem kurzweiligen Zeitvertreib, um ein gutes Buch zu sein braucht es aber etwas mehr. Etwas mehr hat es auch oder wie Hans-Harald Müller im Nachwort schreibt "Hat jemand das Ende des Romans, jene Stelle, an der Maria Christine das Vaterunser für einen namenlosen Bettler betet, der in Wirklichkeit ihr Vater ist - hat jemand diese Stelle ohne Rührung lesen können?". Ich konnte es nicht, trotzdem reicht mir das noch immer nicht, den Roman bedenkenlos weiter zu empfehlen.

Aber das Buch bietet auch noch einer Erkenntnis, führt uns noch mehr vor Augen, nämlich dass die Wahrheit eines Protagonisten immer nur ein Teil, nur eine Ansicht der Wahrheit des auktorialen Erzählers ist. Denn wenn Perutz zu Anfang schreibt "Die Geschichte des 'schwedischen Reiters' soll nun erzählt werden. / Es ist die Geschichte zweier Männer.", dann ist der einzige der dies weiß und jemals wissen wird er, der Erzähler, die Wahrheit für alle anderen ist immer nur ein Teil der ganzen Geschichte. Perutz zeigt uns also, dass es sich mit der Wahrheit ähnlich verhält wie mit den Dingen der Ideenlehre Platons, die nur ein Schattenbild der Ideen sind. Auch das, was wir für die Wahrheit nehmen, ist nur ein Schattenbild der übergeordneten Geschichte. Und für jeden kommt das Licht eben aus einer ein wenig anderen Richtung.

Das alles zusammengenommen, die Spannung, die Rührung und die weitere Erkenntnis, kann ich Der schwedische Reiter nun doch bedenkenlos empfehlen.

Link

http://www.amazon.de/schwedische-Reiter-Roman-Leo-...

Book: Der schwedische Reiter was published on 2009-09-14 by juergen. it is related to books and philosophisches. (permalink)

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Fragen, die ich (mir) stelle


Ist es rechtens dass jemand, dessen Lebenslange Haftstrafe ausgesetzt wurde weil sich ihre Lebenseinstellung geändert hat dann plötzlich wieder verhaftet wird, weil sie vor über 30 Jahren nun doch einen weiteren terroristischen Akt begangen haben sollte und würde ein Begangen-haben desselben denn ihre jetzige, andere Lebenseinstellung ändern?


Trifft es zu, dass die Ankündigung einer Klage faktisch einer Verurteilung gleichkommt wenn der Beklagte sich die Ausstreitung eines Prozesses nicht leisten kann und wie viele Normalverdiener könnten das? Wie verhält sich dies zum weitläufigen Verständnis von Gerechtigkeit?

Fragen, die ich (mir) stelle was published on 2009-09-01 by juergen. it is related to aus dem leben..., philosophisches and auswuechse des establishments. (permalink)

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Ich war nicht wählen.

Ein Satz, den man in letzter Zeit selten hört. Nicht wählen zu gehen ist ziemlich unpopulär geworden, wird man doch von allen Seiten beschworen, nur ja wählen zu gehen, sei es doch jemandes einziges Mitbestimmungsrecht und überhaupt, wer nicht wählen geht, stärkt die, welche er nicht will.

Aber ist es wirklich so? Um die zu stärken, die man nicht will, muss man doch zuerst einmal wissen, wen man überhaupt will. Dazu muss man sich informieren, ergo sich auch interessieren. Man muss sich also im klaren darüber sein, dass wählen mehr ist, als sein Kreuzerl machen. Wählen bedeutet, auszuwählen, wer denn der oder die Richtigen sind, uns zu vertreten. Was aber wenn man sich nicht interessiert – aus welchem Grund auch immer, Interesse, so können wir annehmen, ist nicht begründbar, so wie es nicht begründbar ist, warum man liebt – was also, interessiert man sich nicht?

Nun, in unserer Zeit scheint es, als müsse man sich interessieren, ob man will oder nicht. Aber wieso? Für die Demokratie, wird mancher sagen, für den Garant des Friedens, etc, für die Meinungsfreiheit. Aber ist es nicht auch eine Freiheit zu entscheiden wofür man sich interessiert, wofür man also Zeit und kognitive Ressourcen aufwendet? Mit der neuen Zwangspolitisierung der Gesellschaft, durch die alle Wahlberechtigten auch Wahlpflichtige werden, wird eine gefährliche Entwicklung begonnen. Hier wird scheinbar im Dienste der guten Sache Menschen pauschal eine Denkweise oktroyiert, die mancher vielleicht gar nicht hat.

Wenn man von der Freiheit der Meinungen spricht, so kann man nicht gleichzeitig versuchen, die tiefsten inneren Gefühle der Menschen zwanghaft zu ändern. Um nicht falsch verstanden zu werden, versuchen, das Interesse der Bevölkerung für die Politik zu wecken ist mehr als löblich und einer freien Gesellschaft sicherlich dienlich, ein nicht-Interesse aber mit Verachtung zu strafen und so zu versuchen ein Interesse zu erzwingen, geht einen Schritt zu weit und kann sicher nicht als im Dienste der Demokratie gerechtfertigt werden. Es dient der Demokratie ja auch nicht, wenn man nur noch wählen geht um eben wählen gegangen zu sein, also nur noch sein Kreuzerl macht

Wenn man davon spricht, in einer Demokratie zu leben, so muss es dort auch jedem freistehen, sich am politischen Leben zu beteiligen, oder nicht. So gab es auch in der Wiege der Demokratie, im antiken Griechenland, Personen, die den politischen Diskurs wahrnahmen und solche, die weder ein öffentliches Amt innehatten noch sich am politischen Leben beteiligten, die idiótes, was soviel bedeutet wie Privatperson. Dieser Begriff war aber nicht wertend, diese Menschen wurden dadurch nicht zu Idioten im heutigen Sinn, sondern waren eben solche, die ihre Kapazitäten anderswo einsetzten. So wie die Bedeutung des Wortes Idiot hat sich leider auch die Sicht auf solche Privatmänner heute geändert.

Diese wörtliche Bedeutung rückgängig zu machen ist so wenig nötig wie möglich, unsere Werte jedoch müssen wir von Zeit zu Zeit kritisch betrachten und möglicherweise neu beurteilen um zu sehen, ob sie noch im Dienste eines friedlichen und glücklichen Zusammenlebens stehen. Menschen ihr Glück aufzuzwingen trug zu einem solchen noch nie bei.

Ich war nicht wählen. was published on 2009-06-07 by juergen. it is related to politics, wahl and philosophisches. (permalink)

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Oh, wie sind wir unbedeutend!

Population : One
The Size Of Our World

Oh, wie sind wir unbedeutend! was published on 2009-01-14 by Jürgen. it is related to aus dem leben... and philosophisches. (permalink)

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Es geht uns gut.


Ich bin seit vier Jahren arbeitslos und bekomme seit vier Jahren das gleiche Geld
(nach einem Besucher)

sagte der Mann aus dem Publikum und spontan bemächtigte sich meiner der Gedanke, uns gehe es doch allen eigentlich recht gut. Trotz all der Missstände, die - und das wurde an diesem Abend am Renner-Institut, wo Günter Wallraff einen Vortrag unter anderem über seinen neuesten Streich der Sozialreportage hielt, wieder ganz klar aufgezeigt - zweifelsohne existieren. Denkt man daran, das in anderen Ländern - und ich hatte die Möglichkeit im letzten Jahr in einem davon zu leben und arbeiten - nicht zu arbeiten bedeutet, keinen Lohn zu bekommen, kein Essen, keine Unterkunft, nichts.

Und selbstverständlich bin ich mir bewusst, das nicht alles rund läuft hierzulande, es nicht allen so gut geht wie mir, trotzdem sollte man sich immer wieder einmal bewusst machen, dass das, das uns selbstverständlich ist - oder zu wenig - anderen als Paradies erscheinen muss. Ein Bolivianer hätte, hätte er die Worte des Mannes gehört, wohl nie geglaubt, dass hierbei ein Missstand aufgezeigt werden soll, er hätte es eher für eine Lobeshymne auf den Sozialstaat gehalten.


Ich bin seit vier Jahren arbeitslos und bekomme seit vier Jahren das gleiche Geld
(nach einem Besucher)

Als kleiner Nachtrag und vorgegriffene Replik sozusagen auf Beanstandungen all jener, die sich gezwungen sehen, obigen Text falsch zu verstehen: Natürlich liegt mir nichts ferner als obig Zitiertes als unverschämt oder den Mann als Müßiggänger zu bezeichnen, in einem Staat der seinen Bürgern eine Arbeitslosenunterstützung zugesteht ist klar, dass diese auch inflationsbereinigt sein muss, hieße doch keine Erhöhung realökonomisch eine Senkung, doch gerade der Umstand, dass diese Forderung oder dieser Vorstoß eine Verbesserung anzuregen (beinahe) nur auf verständnisvolle Ohren stößt und die Tatsache, das unser soziales Auffangnetz auch vier Jahre hält allen selbstverständlich ist, ist, denke ich, Grund genug zu meinen, es ginge uns ganz gut.

Es geht uns gut. was published on 2008-12-13 by juergen. it is related to aus dem leben..., politics, philosophisches and economy. (permalink)

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Über Nino Cerruti, den Shopping-Wahn und Individualismus

Im Rondo vom Freitag ist ein Interview mit dem Designer Nino Cerruti zu lesen in dem munter über unsere Kultur aus Individualisten und Shopping-Wahnsinnigen sinniert wird.

Nach dem allgemeinen Shopping-Wahn gefragt, der hier einfach mal konstatiert wird, sagt Herr Cerruti:


Es ist eine Frage der eigenen Proportionen. Heute ersetzt man den ganzheitlichen Menschen durch das, was er macht, welchen Job er hat und wie viel Macht damit verbunden ist. Produkte haben angefangen, uns zu dominieren und ein Eigenleben zu entwickeln. Das Gefühl, das damit einhergeht, ist Gier.
(Nino Cerruti, Rondo 14/11/2008)

Etwas später dann nach seiner neuen Firma gefragt, charakterisiert er seine Marke mit zeitgemäß, elegant, aber immer mit einem gewissen Witz, und meint weiters,


Es geht in vielen Lebensbereichen nicht mehr darum, rein funktionale Möbel zu gestalten, sondern um Möbelstücke, die eine Atmosphäre schaffen.
(Nino Cerruti, Rondo 14/11/2008)

So sehr ich also Herrn Cerruti in Bezug auf die Funktionalität von Möbel zustimme, bin ich mit anderen Aussagen nicht einverstanden. Also, nicht die Tatsache, dass er seine Marke als zeitgemäß charakterisiert, also nach seiner Auffassung einer Form von Harmonie, die früher herrschte und die es heutzutage nicht mehr gibt folglich entbehrend, nein. Vielmehr bin ich mit der Diagnose eines allgemeinen Shopping-Wahns unserer Zeit/Gesellschaft, die im Interview völlig unhinterfragt bleibt und einfach als gegeben in den Raum gestellt wird, sehr unzufrieden, kann ich eine solchen in meinem Umfeld nicht erkennen. Shopping als Selbstzweck, wie es hier dargestellt wird, ist längst obsolet. Eingekauft (alleine der Begriff shopping ist ja schon ein Unwort geworden) wird, als Mittel zum Zweck. Und der ist - wenn man den Zeitgeist schon kritisieren will - Selbstdarstellung. Die Produkte dominieren uns keineswegs, wie Cerruti meint, sie werden vielmehr benutzt um sich zu definieren, oder besser, zu profilieren.

Und dann noch der Individualismus, der als eine der neuen Todsünden und als grassierend bezeichnet wird. Was ist eigentlich das immer wieder kommunizierte Problem mit dem Individualismus? - Fragen wir uns zuerst einmal was eigentlich Individualismus ist. Individualismus, im postmodernen Sinn nämlich, bedeutet nicht, eine Lehre, die dem Einzelwesen in der Gemeinschaft den Vorrang gibt, also das Gegenteil von Kollektivismus, sondern eine persönliche Geisteshaltung, bei der möglichst eigenständige Entscheidungen und Meinungsbildungen angestrebt werden, gleichgültig ob sie konform zum gesellschaftlichen Kontext sind oder nicht, also das Gegenteil von Konformismus. Eigentlich nicht schlecht. Der Zusatz gleichgültig ob sie konform zum gesellschaftlichen Kontext sind oder nicht ist jedoch mit Vorsicht zu genießen, muss man sich erstens fragen, ob es in einer individualistischen Gesellschaft diesen Kontext noch gibt und ob die Konformität mit der Gesellschaft wirklich gleichgültig ist (besonders bei manchen sogenannten Jugendkulturen drängt sich der Verdacht auf, sie sei es nicht). Ist sie es nicht mehr, kann dies dazu führen, dass Handelsmaximen angenommen werden, die den eigenen Wervorstellungen eigentlich wiedersprechen, was schlecht wäre. Aber zurück zur Mode- und Designbranche, da sind es genau Cerrutis verteufelte Individualisten, die seine Produktionen kaufen und seine Kritik wird genau wie seine halbherzigen Versuche sich aus der Frage Wie können sie in einer Industrie arbeiten, die unterstützt, was Sie gefährlich finden? herauszuwinden ziemlich schnell ziemlich Scheinheilig.

Individualismus also - böse oder gut? Nun, wie immer kommt es wohl auf die Dosierung an - Die Menge macht das Gift - und auf die Intention, die dahinter steht, bin ich immer auf Individualität (als Selbstzweck) bedacht, oder gehe ich lediglich nicht immer konform mit den als moralisch, also in der Gesellschaft akzeptiert, propagierten Werten. Vielleicht sollte man besser Nonkonformismus sagen, wobei, am Ende ist es nur ein Wort. Passen wir auf, dass es nicht zum Unwort wird.

Über Nino Cerruti, den Shopping-Wahn und Individualismus was published on 2008-11-16 by juergen. it is related to aus dem leben... and philosophisches. (permalink)

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Zugfahren ...und so.

Zugfahren, sagte ich mir einmal mehr, als ich in Valparaiso mit der City-Bahn fuhr, ist eine tolle Sache. Ich fahre gern Zug. Besonders lange Strecken. Das ist wie nichts tun, aber dann doch etwas zu verrichten. Das gleiche Phänomen tritt bei eigentlich allen Fahrten über längere Strecken auf, sei es im Bus, Zug, Auto, im Flugzeug schon weniger, da die zerstreuende Landschaftsbühne fehlt, da lest man, da sieht man FIlm, da ist alles schon zu steril. Grundsätzlich aber auch dort. Das Tolle ist die Möglichkeit, nachzudenken. Sich zuhause einfach hinzusetzen und nichts zu tun ist quasi unmöglich. Dabei auch einfach noch nachzudenken noch weniger. Unsere Sinn-Gesellschaft zwingt uns ständig, den Gedanken auf, etwas sinnvolles (soo sinnvoll muss es im Grunde genommen gar nicht sein, der Anschein der Beschäftigtheit reicht schon aus um uns zu beruhigen) tun zu müssen und lässt uns nicht in Ruhe denken. Im Zug, beim Reisen, tun wir etwas, auf jeden Fall. Wir reisen. Wir bewegen uns fort (bewegt man sich beim nach Hause Resien auch fort, oder bewegt man sich heim, wäre nicht heimbewegen also der korrekte Terminus?), sowieso. Ohne unser Zutun, ganz von selbst (von selbst natürlich nicht, aber ohne unser unmittelbares Zutun), egal, wie wenig wir in Wirklichkeit tun.
Dieser Blankoscheck der Beschäftigtheit (nicht Beschäftigung, das wäre etwas ganz anderes) also lässt uns die gänzlich freie Zeit . frei von Sinnverpflichtungen, frei von den Verlockungen unverrichteter Arbeit, Fernsehen (das uns ja erstaunlicherweise auch als sinnvoll erscheint, uns nicht mit dem Gefühl quält, etwas tun zu müssen, bestenfalls danach, also Sinnhaftigkeits-Reue sozusagen, die Zeit sinnvoll genützt haben zu können), et cetera. Diese Zeit also, die uns gänzlich frei (weil ja schon durch sich fortbewegen sinnvoll gemacht) geschenkt wird, können wir mit jeglicher nicht-Aktivität verbringen ohne durch zuruf des Sinn-Gewissens gemahnt zu werden..
Nachdenken, zum Fenster hinausschauen auf die verschiedenen Geschwindigkeiten vorbeifliegender Landschaftsebenen, Musikhören (einfach nur Musikhören!), was auch immer, völlig frei, völlig losgelöst - nichtstuend und doch beschäftigt.

Zugfahren ...und so. was published on 2008-07-25 by juergen. it is related to aus dem leben... and philosophisches. (permalink)

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Entteufelung des technologischen Fortschritts

Letztens habe ich mit einem interessanten Typen zusammengearbeitet - so einem richtigen Hackler. So einem vom alten Schlag, ist bestimmt schon 40 Jahre in der Firma und hat es bestimmt schon 20 Jahre lang satt, was sich auf seinem Gesichtsausdruck auch ablesen lässt. So einer der harten Sorte, für den als arbeitserleichternde Hilfsmittel maximal noch Handschuhe erlaubt sind. Seit kurzem. Und lange Erklärungen fallen genauso wie jegliche Höflichkeitsfloskeln unter jene nicht benötigten Hilfsmittel.

So jemand, der ab dem Einstempeln bei der Stempeluhr nur noch denkt "6i muas wean!" und auch genau so eine Laune hat. Aber seinen Job macht er gut. So gut, dass in der 2ten Generation seine Kinder wohl mit magnetischen Greifzangen statt Händen auf die Welt kommen würden, der Evolution wegen.

Kein Wunder aber, wird man in so einer Fabrik der Massenfertigung als Arbeiter doch zur Maschine degradiert. Der Arbeitsplatz angepasst den Abmessungen des menschlichen Arbeitsroboters. Mit anziehbaren Handmagneten werden die körperlichen Unzulänglichkeiten den industriellen Anforderungen angepasst. Und während man also physisch in seine Maschinenrolle gedrängt wird, fügt man sich langsam auch psychisch in selbige Rolle: Die Umgebungslautstärke lässt ein Arbeiten nur mit Gehörschutz zu, was die interkollegiale Kommunikation auf ein Minimum beschränkt (das heißt, zwei Minuten um die Arbeitsanwesungen zu erklären).

Acht Stunden am Tag also, arbeiten in einem sowohl psychisch wie physisch die eigene Industrialisierung - sprich Vermaschinlichung, also umgekehrt Entmenschlichung - suggerierendem Ambiente. Dass so eine Beschäftigung bereits nach kürzerer Zeit vor allem körperliche Schäden oder zumindest Unannehmlichkeiten - schon durch die dauernde Wiederholung kurzer Bewegungsabläufe, Verletzungen also gar nicht berücksichtigend - aber nach längerer Zeit sicherlich auch psychische Veränderungen mit sich bringt, ist offensichtlich.

Jetzt wird aber des öfteren postuliert, der Fortschritt, die Industrialisierung sei nicht unbedingt gut, sondern vielmehr fraglich, werden doch durch die stetige Weiterentwicklung der Technik viele menschliche Arbeitskräfte ersetzt durch Maschinen, Arbeitsplätze somit abgebaut. Auch wo ich gerade arbeite, tritt dieses Phänomen auf, es gibt zum Beispiel Roboter, die Blechplatten aus Pressen nehmen und in andere schlichten, also genau die Arbeit übernehmen, die sonst die Arbeiter machen. Obige Erläuterungen und die eigene Erfahrung berücksichtigend, kann man sagen, es ist nur wünschenswert, dass solche Arbeitsplätze ersetzt und weiters von Maschinen bedient werden. Ich denke, nach bisher geschriebenem, eine Arbeit, die eine Maschine ebenfalls verrichten könnte, sollte nicht von einem Menschen verrichtet werden.

Hier wird das Argument der Arbeitsplatzsicherung gebracht werden. Der zukünftige Arbeitsmarkt wird früher oder später - der Fortschritt ist ohnehin nicht aufzuhalten - keine "Arbeiter"-Jobs mehr bieten - die Arbeit der Zukunft wird im Kopf verrichtet. Beziehungsweise im Umgang mit Menschen. Was also in Zukunft von Menschen gemacht werden wird - und auch sollte, ausnahmslos - sind Jobs, die geistige Arbeit, Kreativität und/oder Kundenkontakt verlangen. Alles, das Maschinen nicht können, Menschen dafür umso besser, Dinge, die zu tun, Menschen sogar ein Bedürfnis haben. Die Interaktion mit Menschen und das kreative, also schöpferische Tun.

Und wo sollen diese Jobs geschaffen werden? - Ganz einfach. Der Abbau jeglicher Jobs, die nur körperliche Arbeit verlangen, wird nicht nur ein gesteigertes Angebot an (nunmehr psychischer oder sozialer statt physischer) Arbeitskraft bieten, sondern auch eine um das selbe Maß gesteigerte Nachfrage nach all jenen Produkten geistiger Arbeit und Kreativität, also nach einem großen, breit gefächertem Angebot an Kultur, Büchern, Filmen, Theaterstücken, ...

Warum? - Die Menschen, die heute noch müde und ausgebrannt aus der Arbeit kommen und aufgrund mangelnder Energien für Anderes sich nur berieseln lassen (wollen) von einem stupiden und deshalb keinerlei Aufmerksamkeit oder Anstrengung fordernden Fernsehprogramm, werden diese Energien dann schon haben. Energien um zu Lesen, ins Theater zu gehen, anspruchsvolle Filmproduktionen zu sehen... werden also konsumwillig sein für das Angebot an Produkten geistiger Arbeit und Kreativität. Und um ebendies alles zu vertreiben werden weitere Arbeitskräfte im Bereich Kundenkontakt und Promotion, Verbreitung benötigt.

Durch den Abbau jener rein physischen Arbeitsplätze also, der durch den Technologiefortschritt und seine Entteufelung als Arbeitsplatzvernichter vonstatten gehen muss, wird somit nicht nur der Arbeitsmarkt eine gravierende Änderung erfahren, sondern die ganze Gesellschaft. Wo jetzt Trivialkultur herrscht und das hervorbringt, was wir zur Zeit im Fernsehen und gewissen Boulevardprintmedien sehen, wird eine breit gefächerte, ernstzunehmende Kulturlandschaft entstehen, die endlich die Wahr- und Wichtignehmung in breiten Bevölkerungsschichten erfahren wird, die vielen Kulturprodukten heute noch verwährt wird.

Das diese Änderung nicht von heute auf morgen passieren wird, es aus systemimmanenten Gründen gar nicht kann, ist klar. Das sie passieren wird aber ebenso, der technologische Fortschritt ist nicht aufzuhalten. Das wir ihn aber forcieren sollten - und alle seine arbeitsmärktlichen Konsequenzen -, das ist leider noch nicht so klar.

Entteufelung des technologischen Fortschritts was published on 2008-07-01 by juergen. it is related to aus dem leben..., economy, philosophisches and arbeit. (permalink)

comments

no topic
published on 05.07.2008 by christian feingold

ich halte deine überlegungen in bezug auf die maschinelle umformbarkeit von bisher durch menschenhand verrichteten arbeitsabläufen für realistisch und ehrbar in der absicht, den vielerorts nostalgisch verklärenden, sich in fingierte goldene zeitalter verstrickenden und somit in die leere kritisierenden meinungen gegen den strich zu bürsten. in ihrer aversion und unsicherheit gegenüber einer zukunft, die sich zu jeder zeit ausschließlich in den erwartungen und intentionen der köpfe der gegenwart widerspiegelt, stemmen sich jene mit aller gewalt gegen den wind des zukunftgedankens und finden in ihrer verzweiflung keinen besseren oppositionsstandpunkt, als den wind in ihrer vorstellung dorthin wehen zu lassen, woher er kommt - und das ist absurd und illusorisch.
genauso absurd und illusorisch wäre es, dem strom vorauseilen zu wollen, um seinen lauf zu kennen ehe er selbst ihm folgt. der lauf der geschichte ist rückblickend immer ein logischer, nach regeln sich richtender notwendiger, in dessen strang jede faser den vorhof für eine andere bildet (und auch die vergangenheit repräsentiert sich uns nur über ihre dokumente in der gegenwart - wie vollkommen oder mangelhaft diese auch sein mögen). unser blick auf das bevorstehende ist allerdings gerade einmal auf einzelne solcher fädchen beschränkt und auch in deren ansehung fragiler als uns lieb ist. von deren anknüpfenden vortsätzen zu sprechen gleicht einer traumdeutung; die jedoch  in ihrer darbietung bereits ein winziges grad an realität, an möglichkeit erhält, der ihr anders nicht zukäme.

worauf ich hinaus will: betrachtet man den verlauf der zeit und sämtliche entwicklungen der gesellschaft  wie einen bach, dessen herkunft sich einigermaßen klar (aber auch nicht vollständig!) erkunden lässt und schließt aus dieser relativen kenntnis auf die viel ungewissere destination indem man annimmt, der bach kehre dahin zurück woraus er entspringt; wer derart denkt, dem wird man recht leicht naivität unterstellen können. da nimmt sich ein solcher, der   mittels der ihm innerhalb seines horizont gegebenen daten über jenen hinaus berichten will schon um vieles vernünftiger aus. dass all diese visionen letztlich noch weit ungewisser, wenn auch schwieriger (ja sogar überhaupt nicht) zu widerlegen sind als jene, die das in seiner ursprünglichen form unwiederbringliche beinhalten,  darf man dabei nicht übersehen. hinsichtlich der zunehmenden maschinisierung am orte bisheriger manueller tätigkeit halte ich deine bewertung der zukunft aus der optik der gegenwart für tragfähig, was die idee einer auf kreativität und mental verrichteter arbeit, als letzte genuin vom menschen hervorgebrachte leistung angeht, halte ich diese für überschwänglich in ihrem vorgriff und ihrem anspruch auf universalität für eine ganze gesellschaft.

zum glück werden wir in zukunft (und dieser ausblick gründet auf starken indizien innerhalb unseres erfahrungshorizontes) ausreichend gelegenheit haben, uns fragen von dieser art im rahmen unserer wohngemeinschaft eingehender zu widmen.

es grüßt und lobt dich für deinen trotz meiner kleinen anmerkung sehr gelungenen text,

krzysztof szelsky

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Quote

Just read a pretty awesome (that means completely right, eh?) quote:

If you think you can do a thing or think you can't do a thing, you're right.
(Henry Ford)

Quote was published on 2008-05-30 by juergen. it is related to aus dem leben..., sternchen und legenden, philosophisches and quote. (permalink)

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ein dorf tut nichts

Den Fleißigen achten wir, und sind doch selbst gern müßig; damit fangen die Schwierigkeiten erst an. Dressiert dazu, unsere Selbstachtung aus der Wertschätzung abzuleiten, die andere uns entgegenbringen, lernen wir an uns selbst verachten, was uns am allernächsten liegt: Die Neigung zum Nichtstun. In einem Land zumal, in dem die Menschen im Gefolge einer falsch verstandenen Glaubensreformation unentwegt dazu angehalten werden, gerade ihrem Menschsein zu misstrauen, fühlen wir uns nicht einmal unwohl in einem solchen Widerspruch; ja, wir halten ihn für unausweichlich. So schlägt protestantische Selbstzerknirschung — „Ich bin nichts, mein Gott ist alles" — immer noch ziemlich unmittelbar um in protestantischen Arbeitsethos. Leiste, dann bist du!

So schreibt Rainer Stephan in der Kolumne "Zwischenzeit" in der Süddeutschen Zeitung vom 13.7.2001.

Obwohl ich mit dem Nichtstun ja nicht so das grosze Problem habe, ein durchaus interessantes Projekt, das Elisabeth Schimana und Markus Seidl da konzipiert haben, "ein dorf tut nichts" geheiszen und - Nomen est Omen - auch genau das realisierend.

Es wurde also ein Dorf mit bäuerlichen Strukturen in Oberösterreich gesucht, dessen Bewohner bereit seien, eine Woche lang nichts zu tun - und auch gefunden:

Noch monatelanger Suche waren Schimana und Seidl in Eberhardschlag, einem kleinen Weiler im österreichischen Mühlviertel, angekommen. Acht Häuser, sieben Familien. Sieben Kinder (die schulfrei bekamen, um nichts zu tun), 10 Frauen, 13 Männer, die meisten von ihnen Nebenerwerbslandwirte, und Arbeiter oder kleine Angestellte im Hauptberuf. Normaler Tagesablauf: Aufstehen zwischen halb fünf und fünf, Feld- und Hofarbeit, Fahrt zum Hauptarbeitsplatz, dort Achtstundentag, Heimfahrt, Feld- und Hofarbeit, zwischen neun und zehn ins Bett. „Nichts tun", hatte die anfangs eher skeptische Frau Mülleder vermutet, „nichts tun, das muss man doch erst lernen." Ihr Mann dagegen: „Ich kann das schon."

Nun ja, soo schwer viel es den Dorfbewohnern scheinbar auch nicht, einmal eine Woche lang nichts zu tun. Auf jeden Fall ein sehr interessantes Projekt, dessen Homepage auf jeden Fall aufmerksame Durchforstung lohnt. Als Reaktion auch noch ein sehr interessanter Kommentar Thomas Edlingers, der gleichermaszen interessante Fragen aufwirft

Wieviel an wiederum künstlich erschaffener Arbeit kostet es eigentlich, diese 80% künstliche Arbeitsplätze zu beschaffen, die ohnehin von der nächsten technischen Revolution schneller hinweggerafft werden als der Markt expandieren kann?
Und wohin verabschiedet sich eigentlich der gesamte erwirtschaftete gesellschaftliche Reichtum, der doch mit der kontinuierlichen Steigerung der Produktivität mitwachsen müsste?

"ein dorf tut nichts", zur Zeit seiner Realisierung 2001 genauso aktuell wie heute, scheint gerade ein Projekt, das sich mit der Zeit befasst, der, die man hat, die man nützt, oder nicht nützt, wobei man sich hier schon fragen muss, kann man Zeit denn nicht nützen, wenn selbst Nichtstun sinnvoll ist? - Ein Projekt also, das sich mit der Zeit befasst, zeitlos zu sein.

ein dorf tut nichts was published on 2008-02-29 by juergen. it is related to lost and found and philosophisches. (permalink)

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